Segeln, Erinnerung und Bewegung. Eine Leseprobe.

Eine persönliche Leseprobe über Segeln, Erinnerung und das, was in Bewegung bleibt. Rückmeldungen sind jederzeit herzlich willkommen.

Vorwort

Dieses Buch begann als ein Scherz.

Alles begann an meinem 26. Geburtstag. Ich saß mit meinem Vater und Mutter zum Mittagessen bei einem italienischen Restaurant bei mir um die Ecke. In diesem Moment, habe ich die Bedeutsamkeit nicht erkennen können, wie ich es heute kann. Heute bin ich mir der Endlichkeit bewusst und diese wurde mir auf eine Art besonders bewusst durch diesem Buch.

Auf die Frage hin von meinem Vater ob ich einen Geburtstagswunsch habe, antwortete ich ein Buch.

Ich meinte es nicht vollkommen ernst. Es war eher ein Gedanke, der in diesem Moment schön klang: eine Erinnerung, etwas Bleibendes. Etwas, das vielleicht noch da ist, wenn wir selbst längst nicht mehr da sind. Wer hätte gedacht, dass sich es so schnell bewahrheitet.

Mein Vater winkte ab. Er lachte und sagte, er wisse gar nicht, worüber er schreiben solle. Außerdem sei er doch kein Schriftsteller. Er könne so etwas nicht. Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Acht Monate später erhielt ich komplett unerwartet den ersten Entwurf in mein Postfach.

Er hatte es wirklich getan.

Auf einmal lag da auf einmal etwas völlig Unerwartetes: Seiten voller Gedanken, Erinnerungen, Erklärungen. Die gelesen werden wollten. Die ich lesen wollte.

Doch dann passierte das Leben. Er fand nicht mehr die Zeit, dieses Buch zu vollenden. Manchmal verändert eine Krankheit alles schneller, als man begreifen kann. Krebs kann jeden treffen – und manchmal nimmt er einem nicht nur Gesundheit, sondern auch die Zeit, Dinge zu Ende zu bringen.

Dass er ausgerechnet über das Segeln schreiben sollte, lag eigentlich nahe.

Segeln war seine Leidenschaft. Wann immer er die Möglichkeit hatte, zog es ihn ans Wasser – oder besser gesagt: hinaus aufs Wasser. Dort fühlte er sich wohl. Dort war er in seinem Element. Für ihn war Segeln nicht nur ein Hobby, sondern ein Teil von dem, was ihn ausmachte.

Vielleicht war dieses Buch auch deshalb so persönlich: weil es eines der Themen war, die er nicht nur verstand, sondern lebte.

Dieses Buch handelt vom Segeln.

Es ist vor allem zur Unterhaltung und Erinnerung gedacht.

Für Menschen, die gerne segeln. Für jene, die vielleicht gerade erst damit beginnen wollen oder aufgrund des Buches es noch werden.

Das ich kein Schriftsteller bin, und das Schreiben ist nicht meine Profession, sollte ich noch erwähnen. Dieses Buch ist nicht aus dem Wunsch entstanden, etwas Perfektes zu schaffen, sondern aus dem Wunsch, etwas weiterzugeben: Gedanken, Erfahrungen und die Freude am Segeln.

Vielleicht liegt gerade darin sein Wert.

Nicht alles muss vollständig sein, um etwas auszulösen. Manchmal reicht es, Lust zu machen, Erinnerungen zu wecken oder den Gedanken zuzulassen, selbst einmal die Segel zu setzen.

Wenn dieses Buch genau das tut, dann hat es seinen Zweck erfüllt.

An dieser Stelle steht in vielen Büchern eine Widmung.

Auch hier stand ursprünglich eine.

Mein Name.

Widmung

Für David Papa

Einleitung

Segelboot mit buntem Spinnaker

Hier ist das Boot mit bunten Spinnaker zu sehen. Am vorderen Bug ist in schwarzer Schrift “Draahts mi um” auf dem Kopf geschrieben zu erkennen.

Segeln habe ich mit achtzehn Jahren begonnen. Seitdem ist es für mich immer ein besonderer Ausgleich geblieben – ein Pol zwischen Entspannung und gleichzeitigem Wachsein. Denn auch wenn man zur Ruhe kommt, muss man aufmerksam bleiben: Wind, Wasser und Boot verlangen Präsenz.

Nach einer gewissen Zeit, wenn Erfahrung dazu kommt, geht vieles wie von selbst. Man denkt nicht mehr jeden Handgriff bewusst nach. Das Gefühl für das Boot, den Wind und die Bewegung ist einfach da. Genau diese magische Anziehungskraft wollte ich beschreiben.

Vielleicht macht es ja dem einen oder anderen Spaß, das einmal nachzuvollziehen – oder es sogar selbst auszuprobieren.

Segeln ist spannend und in unseren Breiten meist auch nicht besonders gefährlich. Trotzdem gibt es Situationen, in denen man vorsichtig sein muss. Früher bin ich sogar noch bei Gewitter hinausgefahren. Heute bevorzuge ich in solchen Momenten klar das Ufer.

Ein Gewitter ist unberechenbar: Wind kann innerhalb weniger Sekunden stärker werden oder drehen. Und ein Segelboot mit Aluminium-Mast ist auf dem Wasser leider ein idealer Blitzempfänger. Wenn dann alles nass ist, steht man im schlimmsten Fall sprichwörtlich kurzfristig „unter Strom“ – eine Erfahrung, die man nicht wiederholen möchte.

Mein eigenes Boot ist ein FD, das bedeutet Flying Dutchman. Das ist eine sehr sportliche Rennjolle.

Eine Jolle ist ein leichtes Segelboot ohne festen Kiel. Im Gegensatz zu größeren Yachten kann eine Jolle kentern, also umkippen, wenn man unachtsam ist – sie ist wendiger, aber auch lebendiger.

Der Flying Dutchman trägt etwa 15 Quadratmeter Segelfläche am Wind, dazu einen bunten Spinnaker – ein großes, bauchiges Vorsegel für kräftigen Rückenwind – mit rund 18 Quadratmetern.

Mit einem Gesamtgewicht von etwa 160 Kilogramm gehört dieses Boot zu den besonders leichten und daher erlebnisreichen Jollen. Das Verhältnis aus wenig Gewicht und viel Segelfläche macht es schnell, sportlich und manchmal auch herausfordernd.

Daher hat mein innerer Spaßvogel mich dazu gebracht, meinem Boot einen ganz besonderen Namen zu geben:

“ɯn ᴉɯ sʇɥɐɐɹꓷ„

Das ist Bayrisch und bedeutet schlicht: Dreh mich um, auf dem Kopf stehend.

Der Name steht gut sichtbar auf dem Rumpf, jedoch auf dem Kopf. Es passiert immer wieder, dass jemand die Buchstaben sieht, versucht diese zu lesen, was keinen Sinn ergibt und kurz innehält, den Kopf schief legt – und es nochmal erneut versucht bis er dann grinsen muss. Vielleicht, weil er anders ist. Verspielter. Freundlicher als viele andere Bootsnamen.

Und natürlich passt er perfekt zu einem FD. Wie bereits gesagt, dieses Boot ist lebendig. Schnell, sensibel, manchmal ein bisschen eigensinnig. Eine kleine Unachtsamkeit reicht, und schon kann es kentern – kippt also um und steht auf dem Kopf. In diesem Moment lässt sich der Name dann ganz ohne Verrenkung lesen.

„Draahts mi um.“

Die Leute schmunzeln jedes Mal.

Was mich am Segeln so begeistert, ist dieses Gefühl, die Kraft des Windes einzufangen und sie in Bewegung zu verwandeln. Plötzlich wird aus Luft Geschwindigkeit. Das Boot gleitet über das Wasser, und hinter uns entsteht diese weiß schäumende Spur, die jedes Mal aufs Neue fasziniert.

Der Wörthsee, ein kleiner See bei München, ist dafür ein wunderbarer Ort. Im Sommer wird er schnell warm und lädt fast automatisch zum Baden ein. Ein echter Haussee, vertraut und doch nie langweilig.

Wer einmal gerudert ist, weiß, wie mühsam es sein kann, mit vielleicht acht Kilometern pro Stunde voranzukommen. Beim Segeln dagegen übernimmt die Natur. Der Wind trägt einen – fast lautlos.

Und genau das ist es auch: Segeln ist ruhig.

Kein Motorenlärm. Kein Gestank auf dem Wasser. Kein ständiges Nachtanken. Motorboote wirken dagegen oft hektisch, laut und auf vielen bayerischen Seen auch kompliziert.

Segeln ist für mich das Gegenteil.

Einfach hinausfahren, wenn die Zeit es erlaubt. Leicht. Still. Und frei.

Warum ein Boot ohne Motor fahren kann

Etwas was mich beim Segeln faszinierte, die Segelboot glitten fast lautlos über den See. Kein Motorgeräusch, kein Rauch, keine Wellen wie bei einem schnellen Boot. Und ich weiß noch, dass mir damals eine ganz einfache Frage durch den Kopf ging: Wieso kann ein Segelboot eigentlich fahren?

Am Anfang stellt man sich Segeln oft so vor, wie man es aus Filmen mit Piratenschiffen kennt, mit ihren riesigen Segeln, die wie große Tücher quer am Mast hängen. Der Wind kommt von hinten, bläst hinein und das Schiff wird nach vorne geschoben. Das ist leicht zu verstehen. Wind von hinten drückt das Segel, und das Boot fährt in die gleiche Richtung. Das würde aber bedeuten man könnte nur in die Richtung fahren in die auch der Wind einen lässt. Blickt man auf Segelboote, die man auf einem kleineren, heimischen See, wie dem Wörthsee merkt man einen großen Unterschied. Die Segel stehen ganz anders als auf einem Piratenschiff, sie sind nicht quer sondern sind mit der Fahrtrichtung. Und trotzdem fährt das Boot nach vorne.

Das ist der Moment, wo man stutzt.

Denn wenn man nur an das Piratenschiff denkt, müsste man sagen: Der Wind drückt doch jetzt von der Seite in die Segel. Müsste das Boot nicht einfach umkippen oder seitlich wegrutschen?

Dies ist der Unterschied zu einem modernen Segelboot, es fährt nicht nur, weil es „geschoben“ wird.

Unter der Wasseroberfläche finden wir den Grund dafür: das Schwert. Ein Brett, das nach unten ins Wasser reicht. Es sorgt dafür, dass das Boot nicht einfach zur Seite weggedrückt wird.

Das Schwert ermöglicht die Segel längsseitig anzuordnen und eröffnet damit neue Möglichkeiten.

Die Segel sind nicht einfach eine Wand für den Wind. Wenn diese richtig eingestellt sind, arbeitet es vielmehr wie ein Flügel der den Wind lenkt. Der Wind strömt links und rechts am Segel vorbei. Das Segel lenkt ihn um, und dadurch entsteht eine Kraft, die das Boot nicht nur zur Seite drückt, sondern nach vorne treibt.

Das Wasser hält mithilfe des Schwerts unten dagegen, und weil das Boot nicht seitlich ausweichen kann, bleibt nur eine Richtung übrig: Nach vorne.

Genau dieses Zusammenspiel macht Segeln möglich.

Wind gibt die Kraft.

Das Schwert gibt den Halt.

Und daraus entsteht Bewegung.

Wenn man das einmal verstanden hat, wirkt Segeln plötzlich nicht mehr wie Magie.

Sondern wie ein kleines Wunder der Natur, das man mit den Händen steuern kann.

Und vielleicht ist es genau das, was mich bis heute daran fasziniert: Dass etwas so Einfaches wie Wind und Wasser ausreicht, um ein Boot lautlos in Fahrt zu bringen.

Kentern

Kentern eines Segelboots

Das Boot befindet sich in Seitenlage. Durch Gewicht auf dem Schwert wird das Boot wieder aufgerichtet.

Gerade dieses Zusammenspiel aus Wind und Wasser macht Segeln möglich.

Der Wind gibt die Kraft, das Wasser gibt den Halt – und dazwischen gleitet das Boot nach vorne.

Doch manchmal spürt man auch, dass dieses Gleichgewicht nicht immer perfekt bleibt.

Denn Segeln ist immer ein Spiel aus Kräften. Der Wind drückt in die Segel, das Wasser hält unten dagegen. Und solange beide im richtigen Verhältnis stehen, bleibt das Boot aufrecht und läuft ruhig dahin.

Wird der Druck des Windes jedoch plötzlich zu stark – stärker als das Boot und das Wasser ihn ausgleichen können – dann kippt dieses Gleichgewicht.

Das Boot stellt sich auf die Seite. Es kentert.

Und gerade bei einer Jolle sollte man sich dabei immer bewusst sein: Wenn das Boot sich plötzlich auf die Seite legt, kann nicht nur Wasser ins Boot kommen – auch lose Dinge können schnell verschwinden.

Eine Flasche, eine Jacke, ein Handy oder eine Tasche schwimmt oft schneller davon, als man reagieren kann. Deshalb lohnt es sich, Kleinigkeiten von Anfang an so zu verstauen, dass sie nicht einfach über Bord gehen können.

Ein wasserdichter Sack, der zeigt, was mit soll, gehört für mich immer dazu. Und alles, was wichtig ist, lässt sich mit einer kleinen Leine oder einem Karabiner am Boot sichern. So bleibt im Ernstfall wenigstens das Wesentliche da, wo es hingehört.

Kentern gehört beim Jollensegeln irgendwann dazu.

Nicht, weil man etwas falsch macht – sondern weil ein Boot wie der FD schnell reagiert. Eine Böe, ein Moment der Unachtsamkeit, ein falscher Bewegungsablauf – und plötzlich liegt das Boot auf der Seite oder sogar kopfüber im Wasser.

Für viele Anfänger klingt das zunächst beängstigend. Aber mit etwas Wissen verliert das Kentern sehr schnell seinen Schrecken.

Das Wichtigste ist: Ruhe bewahren.

Ein Segelboot kentert meist überraschend, aber es wird dadurch nicht sofort gefährlich. In den allermeisten Fällen gilt sogar eine einfache Regel:

Das sicherste Verhalten ist, beim Boot zu bleiben.

Boote gehen nur sehr selten komplett unter. Selbst wenn sie voll Wasser laufen, bleiben sie meist schwimmfähig. Außerdem ist ein Boot auf dem Wasser viel besser zu sehen als eine einzelne Person im Wasser. Es ist also immer der beste „Rettungspunkt“, besonders wenn Hilfe kommen muss.

Natürlich kann beim Kentern der Mast im flachen Seegrund stecken bleiben. Manchmal richtet man das Boot alleine wieder auf, manchmal braucht man Hilfe. Und die kommt meistens auch.

In solchen Momenten zieht einen die Wasserwacht gegen den Wind frei, und danach freut sich ihre Getränkekasse vielleicht über einen kleinen Beitrag. Und sollte das aus Gründen mal nicht so sein, ist es gut zu wissen: Das Ufer ist nicht weit. Auf einem See kann man oft in kurzer Zeit ans Land schwimmen, aber trotzdem ist es sinnvoller, zuerst beim Boot zu bleiben und die Situation zu ordnen.

Kentern ist auf einem Binnengewässer meistens gut beherrschbar.

Auf dem Meer ist das anders: Dort spielen Wellen, Strömung und größere Entfernungen eine viel stärkere Rolle. Deshalb ist Kentern dort deutlich anspruchsvoller und man muss mehr Sicherheitsreserven einplanen.

Beim Kentern selbst gibt es ein paar Dinge, auf die man achten sollte.

Zum Beispiel darf man nicht unkontrolliert in die Segel springen. Das Material kann reißen, und beschädigte Segel machen das Aufrichten später schwieriger.

Außerdem treiben nach einer Kenterung viele Leinen im Wasser – unter dem Boot oder rund um die Segel. Genau deshalb sollte man hektische Bewegungen vermeiden. Es besteht sonst die Gefahr, sich zu verfangen. Auch ich hatte davor immer Respekt.

Wenn eine Leine gelöst werden muss, dann nur langsam und überlegt. Oft lässt sich vieles von außen erreichen, ohne unter das Boot tauchen zu müssen.

Hat man sich gesammelt, folgt der wichtigste Schritt:

Das Boot wieder aufrichten.

Dazu muss zuerst das Segel frei im Wasser liegen und darf nicht unter dem Rumpf eingeklemmt sein. Dann stellt man sich – vereinfacht gesagt – auf das Schwert, also das herausragende Brett unter der Jolle, das normalerweise das Abdriften verhindert.

Durch das eigene Körpergewicht entsteht ein Hebel, der das Boot langsam zurückdreht. Sobald das Boot wieder aufrecht kommt, richtet es sich oft überraschend schnell auf.

Der Moment danach ist meist der schwierigste: Das Boot ist nass, alles ist durcheinander, vielleicht ist auch etwas verbogen. Aber genau hier hilft Erfahrung:

Nicht alles sofort greifen. Erst orientieren. Crew zählen. Atmen.

Kentern ist kein Drama. Gut ist wenn einen zweiten Satz an Kleidung vorhanden ist, der trocken geblieben ist.

Viele Segler sagen sogar: Wer einmal gekentert ist, segelt danach entspannter. Denn man weiß plötzlich: Es passiert – und man kommt damit zurecht. Und eigentlich trifft das nicht nur auf das Segeln zu. Oft ist im Leben die Angst vor dem Ereignis größer als das Ereignis selbst.

Mit einem klaren Kopf braucht man beim Segeln keine Angst zu haben.

Kentern ist nicht das Ende.

Es ist ein Teil des Lernens.

Besatzung

Ein Flying Dutchman wird normalerweise zu zweit gesegelt. Das Boot ist dafür gemacht, dass sich die Aufgaben aufteilen: Einer steuert als Skipper, der andere arbeitet vorne mit den Segeln – der Vorschoter, manchmal auch scherzhaft „Fokaffe“ genannt.

Gerade bei sportlichen Manövern braucht es dieses Zusammenspiel. Ein FD reagiert schnell, verlangt Aufmerksamkeit und lebt davon, dass beide an Bord im richtigen Moment das Richtige tun.

Trotzdem bin ich oft alleine hinausgefahren, weil mich genau diese Form des Segelns immer gereizt hat. Alleine zu segeln bedeutet, dass man alles selbst in der Hand haben muss: Kurs halten, Segel bedienen, das Boot ausbalancieren – und dabei den Wind nie aus den Augen verlieren.

Es ist eine Herausforderung, die ich gesucht habe.

Man segelt näher an der eigenen Grenze, wird nass, macht Fehler – oder erlebt diese seltenen Augenblicke, in denen plötzlich alles stimmt. Wind, Geschwindigkeit und Gefühl greifen ineinander, und das Boot gleitet genau so, wie man es sich wünscht.

Manchmal merkt man dabei sogar, dass andere hinschauen. Selbst erfahrene Regattasegler beobachten neugierig, wenn jemand versucht, ein so anspruchsvolles Boot alleine zu beherrschen.

Mit den Jahren sammelt man dabei viele kleine Erfahrungen. Erst vor kurzem kam ich zum Beispiel auf die Idee, bei einer Halse die Ruderanlage kurz mit einem Gummistropp zu sichern. Ein Gummistropp ist im Grunde nichts anderes als ein elastisches Band, das das Ruder in Position hält, während man selbst nach vorne gehen muss.

Denn gerade beim Setzen des Spinnakers – das große, farbige Segel für Rückenwind – arbeitet man weit vorne am Boot, wo auch der Spinnakerbaum eingehängt wird. In diesen Momenten zählt jede kleine Hilfe, die Ruhe ins Boot bringt.

Natürlich bleibt Segeln dabei nicht immer ohne Spuren.

Nach manchen Stunden hatten meine Vorschoterin oder ich blaue Flecken, Muskelkater, Schürfwunden und Blasen an den Händen. Aber es waren nie schlimme Verletzungen – eher kleine Zeichen dafür, dass Segeln nicht nur schön aussieht, sondern auch ein sportliches Handwerk ist.

Manchmal hatte ich dabei sogar mehr Sorge um das Boot als um mich selbst.

Einmal segelte ein kräftiger Kerl mit, man könnte ihn Bodybuilder nennen, der an der Vorschot zog, als würde er Gewichte stemmen. Ich musste ihn jedes Mal daran erinnern, dass dies ein altes Holzboot ist und nicht jeder Beschlag rohe Kraft aushält.

Deshalb ist es für mich oft ein Vorteil, mit einem leichteren, beweglicheren Vorschoter zu segeln. Denn es hängt nicht an der Kraft – sondern weil Gefühl, Timing und Beweglichkeit auf so einem Boot oft mehr bedeuten als reine Stärke.

Auch bei den Segeln war ich immer pragmatisch.

Neue Segel habe ich mir nur einmal gekauft, vor allem für Klassenregatten. Meistens reichten gebrauchte Segel völlig aus. Regattaprofis müssen regelmäßig ihre Segel aussortieren, und für mich war das oft die beste Lösung diese dann zu erwerben.

In 35 Jahren ist zweimal ein Segel gerissen. Das schmerzt im ersten Moment, aber dann wird eben improvisiert. Ein anderes Mal brach das aufholbare Ruder durch zu großen Druck.

Seitdem achte ich stärker darauf, nicht überall maximale Power hineinzulegen. Nicht zu viel Spannung in den Wanten, nicht zu viel Druck im Ruder, nicht zu viel Kampf gegen den Wind.

Denn am Ende segelt man oft schöner, wenn man entspannter segelt.

Das Boot gleitet leichter über die Wellen, wenn man es nicht ständig zwingt, sondern begleitet.

Einmal bin ich sogar mit einer defekten Ruderanlage mit einem Paddel zurück zur Slipanlage gekommen – dorthin, wo das Boot wieder an Land gezogen wird. Segeln bedeutet eben auch: ruhig bleiben, Lösungen finden und seinen Weg zurücknehmen, ohne Hektik.

Und vielleicht ist genau das auch das Besondere daran.

Segeln ist sportlich, manchmal nass, manchmal fordernd – aber vor allem ist es ein Gefühl von Freiheit, das mich seit Jahrzehnten begleitet.

Zweimal sind mir Wanten gerissen. Doch mit etwas Erfindungsgeist konnte ich verhindern, dass der Mast komplett fällt. Und am Ende war immer nur wichtig: Das Boot soll wieder funktionieren.

Segeln erinnert mich manchmal an das Motorradfahren. Wenn man zu schnell in eine Kurve geht, kippt man um. Der Unterschied ist nur: Auf dem Wasser fällt man weich.

Glossar

Teile des Bootes

  • Bug – Vorderteil des Bootes.
  • Achter – Hinterteil des Bootes (Heck).
  • Mast – Senkrechte Stange, an der die Segel hochgezogen werden.
  • Schwert – Brett unter dem Boot, das seitliches Wegrutschen verhindert.
  • Schwertkasten – Kasten im Boot, in dem das Schwert steckt.
  • Ruderanlage – System zum Steuern (Ruderblatt + Pinne).
  • Pinne – Hebel, mit dem das Ruder bewegt wird.
  • Traveller – Schiene, auf der der Großbaum seitlich verstellt werden kann.
  • Slipanlage – Stelle oder Rampe am Ufer, wo das Boot ins Wasser gelassen wird.

Segel und Leinen

  • Großsegel – Hinteres Hauptsegel.
  • Vorsegel (Fock/Genua) – Vorderes Segel vor dem Mast.
  • Genua – Besonders großes Vorsegel.
  • Spinnaker (Spi) – Großes, buntes Segel für Wind von hinten oder schräg hinten.
  • Spinnakerbaum – Stange, die den Spinnaker nach außen hält.
  • Schoten – Leinen, mit denen Segel eingestellt werden.
  • Vorschot – Schot, mit der das Vorsegel dichtgeholt wird.
  • Lieken – Kanten eines Segels:
    • Vorliek (vorn)
    • Unterliek (unten)
    • Achterliek (hinten)
  • Keep – Nut im Mast, in die das Großsegel eingefädelt wird.
  • Cunningham – Leine zum Spannen des Vorlieks am Großsegel.
  • Niederholer – Leine, die den Großbaum nach unten zieht und das Segel flacher macht.

Wind und Orientierung

  • Windstärke (Beaufort/bft) – Maß für die Windstärke.
  • Böe – Plötzlicher Windstoß.
  • Verklicker/Stander – Windanzeiger an der Mastspitze.
  • Luv – Die Seite, aus der der Wind kommt.
  • Lee – Die windabgewandte Seite.
  • Spione – Kleine Wollfäden am Segel, die die Luftströmung anzeigen.
  • Kielwasser – Spur des Bootes im Wasser.

Richtungen am Boot

  • Steuerbord – Rechte Seite des Bootes in Fahrtrichtung.
  • Backbord – Linke Seite des Bootes in Fahrtrichtung.

Manöver und Bewegung

  • Manöver – Gezielte Aktion mit dem Boot (z.B. Wende, Halse, Anlegen).
  • Wende – Drehung mit dem Bug durch den Wind, um die Seite zu wechseln.
  • Halse – Drehung mit dem Heck durch den Wind (meist kräftiger als eine Wende).
  • Abfallen – Vom Wind wegdrehen.
  • Anluven – In Richtung Wind drehen.
  • Kentern – Boot kippt um und liegt auf der Seite oder kopfüber.
  • Krängung – Schräglage des Bootes durch Winddruck.

Crew und Segelpraxis

  • Skipper/Steuermann – Person, die das Boot steuert.
  • Vorschoter/Vorschotter – Crewmitglied vorne, bedient Vorsegel und Spinnaker.
  • Trapez – Vorrichtung, um außen am Boot zu hängen und Gegengewicht zu geben.
  • Regatta – Segelwettfahrt.
  • Klassenregatta – Regatta, bei der alle Boote denselben Bootstyp segeln.
  • FD (Flying Dutchman) – Sportliche Rennjolle (Bootsklasse im Buch).

Sicherheit und Alltag am Wasser

  • Boje – Schwimmender Punkt zum Markieren oder Festmachen.
  • Anker – Gewicht am Seil/Kette, um das Boot zu halten.
  • Steg – Konstruktion am Ufer zum Anlegen und Einsteigen.
  • Dichtholen – Schot stärker anziehen.
  • Fieren/Vieren – Schot lösen, Segel öffnen.